Augen auf beim Brötchenkauf

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Hier in Aachen erfreuen sich Brot, Brötchen, Öcher Printen und andere Backwaren größter Beliebtheit. Seit 2014 ist die sog. Deutsche Brotkultur Teil des immateriellen UNESCO Weltkulturerbes und die Brotsortenauswahl ist riesig. Doch wie viel wissen wir eigentlich über das Brot, was wir zu uns nehmen? Wie stellt man als Veganer_in sicher, dass das Lieblingsgebäck wirklich vegan ist?

Was ist drin?

In Bäckereien muss man in den meisten Fällen nach Zutatenlisten eher suchen, wenn es auch in einigen Fällen erfreulicherweise Listen gibt, die vegane Backwaren mit entsprechenden Symbolen versehen und so die Auswahl erheblich erleichtern. In Supermärkten und Discountern sind auf abgepackten Broten detaillierte Zutatenlisten zu finden und auch bei den In-Store-Backautomaten werden zunehmend ausführlichere Zutatenlisten bereitgestellt, die Aufschluss über das Produkt geben. So weit, so gut. Allerdings gibt es viele Stoffe, die man selbst bei penibelster Lektüre der Verpackungsaufschrift nicht finden kann. Daher schauen wir uns in diesem Artikel einen nicht-veganen Zusatzstoff, L-Cystein, sowie ein Pestizid, Glyphosat, beispielhaft an – denn beide finden ihren Weg in unser täglich Brot.

L-Cystein

Dass laut Lebensmittelkennzeichnungsverordnung (LMKV) nicht alle Inhaltsstoffe angegeben werden müssen, ist unter Veganer_innen ein alter Hut, trotzdem wundert man sich immer wieder über das Ausmaß:

Laut § 5 Abs. 2 der LMKV gelten viele Stoffe nicht als Zutaten und müssen daher auch nicht aufgeführt werden, darunter bestimmte Aromen, Enzyme, Extraktionslösungsmittel oder „Stoffe im Sinne des § 2 Abs. 3 Satz 3 Nr. 1 des Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuchs“[1] (LFGB). Unter letzterem so schön kryptisch formulierten Punkt der Aufzählung verbergen sich übrigens Aminosäuren. Zudem geht aus § 6 Abs. 2 Satz 8 der LMKV hervor, dass die Aufführung von Zutaten im Verzeichnis der Zutaten entfallen kann, wenn es sich um zusammengesetzte Zutaten handelt, deren Anteil am Produkt weniger als 2 % beträgt und die Zusammensetzung der Zutat in einer Rechtsvorschrift festgelegt ist[2].

Warum ist diese Paragraphenleserei wichtig? Unter die Stoffe, die nicht aufgeführt werden, fallen – neben harmlosen Stoffen – zum Leidwesen von Veganer_innen auch nicht-vegane Zutaten, darunter auch bspw. L-Cystein, das in der Zusatzstoff-Zulassungsverordnung (ZZulV) als E 920[3] auftaucht.

L-Cystein ist eine Aminosäure, die „mithilfe von Salzsäure aus Proteinen wie Keratin gewonnen werden. Als Grundlage dienen in der Regel keratinreiche Gewebe wie Tier- und Menschenhaare oder Federn. Heute ist die Herstellung dieser Aminosäure durch gentechnisch veränderte Kolibakterien (zool.: Escherichia coli) möglich.“[4] Richtig gelesen, das Zeug besteht entweder aus Haarbestandteilen oder wird unter Verwendung von Bakterien erzeugt, die man im eigenen Darm findet.

E 920 ist als Mehlbehandlungsmittel zugelassen und wird daher hauptsächlich für Backwaren genutzt. Es wird eingesetzt, damit „Mehl schneller reift und Backvorgänge beschleunigt werden.“[5] Zudem soll es die Elastizität und die Knetfähigkeit von Teigen verbessern und dafür sorgen, „dass Gebäckstücke über längere Zeit eine voluminöse Form beibehalten. Unter anderem werden auch Kekse mit diesem Zusatzstoffe behandelt. […] Daneben findet man diese Aminosäure auch in Diätzubereitungen und Futtermitteln. Als Grundstoff für die Erzeugung von Aromen wird E 920 ebenfalls genutzt. […] Die Aminosäure wird aber nicht nur in der Lebensmittelindustrie eingesetzt, auch in Kosmetikprodukten und Arzneimitteln kommt sie vor.“[6]
Auch wenn der Einsatz von Menschenhaar für die Herstellung von L-Cystein mittlerweile verboten zu sein scheint, darf es aus Haaren oder Horn anderer Tiere nach wie vor hergestellt werden.

Glyphosat

Glyphosat, was vielen vielleicht eher als Bestandteil des „Pflanzenschutzmittels“ Roundup von Monsanto bekannt ist, ist eines der weltweit am häufigsten eingesetzten Pestizide[7]. Es handelt sich um ein Breitbandherbizid, was so gut wie alle Pflanzen tötet, die mit ihm in Berührung kommen (wenn man mal von Pflanzen absieht, die resistent gewordenen sind sowie von Saatgut, das von Monsanto verkauft wird und das gentechnisch so verändert wurde, dass es bei Anwendung von Glyphosat nicht abstirbt). Auf Ackerflächen wird es hierzulande meist bereits zur „Vorbereitung“ des Feldes eingesetzt, um vor der Aussaat alles zu töten, was dort wächst. In Deutschland wird Glyphosat auch dazu genutzt, um die zu erntende Pflanze direkt vor der Ernte abzutöten, da sich der Weiterverarbeitungsprozess des Getreides so vereinfacht (auch bekannt als Sikkation). So ist es nicht verwunderlich, dass Glyphosatrückstände bereits in Backwaren nachgewiesen werden konnten und so den Weg in unseren Körper finden[8].

Monika Krüger, Professorin an der Universität Leipzig, weist bereits 2013 in ihrer Publikation[9] auf die Toxizität von Glyphosat hin. Auch in der arte-Doku Tote Tiere – Kranke Menschen werden Krügers Forschungsergebnisse dargestellt (Achtung, Triggerwarnung, siehe Fußnote[10])

2015 kommt die Internationale Agentur für Krebsforschung (Teil der WHO) zu der Einschätzung, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ sei[11]. Allerdings gibt es zu Glyphosat zahlreiche Publikationen, die, je nach Auftraggeber_in der Studie, zu höchst gegensätzlichen Einschätzungen kommen (was bei  Monsanto sicher nicht verwunderlich ist).

Fazit

Bei Backwaren – die in diesem Artikel natürlich nur eines von vielen Beispielen für Intransparenz bei der Nahrungsmitteldeklaration darstellen –sollte man immer genau hinschauen. Da die Zutatenlisten aber offenbar nicht vollständig sein müssen und Pestizideinsatz sowieso nicht deklariert wird, kann durch Lesen der bloßen Produktinfos nicht ohne Weiteres geklärt werden, ob nicht-vegane Inhaltsstoffe oder krebserregende Pestizidrückstände im Lieblingsbrot enthalten sind. Allerdings:

Wer auf Siegel vertraut, kann sich mit dem Veganblumen-Siegel der Vegan Society England kombiniert mit dem EU-Biosiegel Sicherheit verschaffen: Denn die Veganblume darf nur auf Produkten geführt werden, die von den Zutaten und vom Herstellungsprozess her auf tierische Bestandteile verzichten[12]. Das EU-Bio-Siegel wiederum soll chemische Pestizide (zu denen auch Roundup/Glyphosat zählt) ausschließen, die durch die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau verboten sind[13].

Wer ansonsten auf karzinogene oder haarige Inhaltsstoffe und Fäkal-Sidekicks im Frühstücksbrötchen verzichten will, hat immerhin noch ein paar Alternativen: Petitionen oder andere Aktionen mitzeichnen (z.B. die E-Mail-Aktion von Foodwatch gegen die Neuzulassung von Glyphosat), Produktanfragen an Herstellende senden, bei denen man auf das Problem aufmerksam macht und genau nach nicht deklarierten Inhaltsstoffen und Pestizideinsatz fragt (was ggf. auch Problembewusstsein bei den Produzent_innen schafft), oder aber kiloweise Kekse und Brote mit bio-Zutaten selbst backen und mit zur nächsten (vielleicht sogar selbst organisierten) Demo nehmen.😉

Fußnoten/Quellen

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